"Führen in Veränderungsprozessen braucht Fokus"
"Führen in Veränderungsprozessen braucht Fokus"

Viele Transformationsvorhaben scheitern am Additive Bias, dem Overflow an Projekten und Initiativen zusätzlich zum operativen Geschäft. Denn der führt zu organisationalem Multitasking und aktiviert die Stressmuster der Organisation – Produktivität und Qualität sinken. Fokussierte Führung bietet den Ausweg, sagt die Transformationsforscherin Vera Starker im Gespräch mit Gerald Fahnenbruck, Head of Product – Contracting Germany bei Hays.
Frau Starker, viele Unternehmen starten große Change-Management-Prozesse – und scheitern dennoch. Woran liegt das?
Vera Starker: Ein zentraler Grund ist der sogenannte Additive Bias. In vielen Organisationen werden zu viele Initiativen, Projekte und Sonderaufgaben parallel gestartet – zusätzlich zum ohnehin anspruchsvollen Tagesgeschäft. Das führt zwangsläufig zu organisationalem Multitasking, das die Unternehmen überlastet. Statt die Transformation zu beschleunigen, sinken dadurch Produktivität und Qualität.
Was macht diese Überlastung so gefährlich für Veränderungsprozesse?
Vera Starker: Überlastung aktiviert die Stressmuster des Gehirns. Sobald Stress entsteht, schaltet unser Gehirn in den Autopiloten – das heißt: Wir greifen auf bekannte Routinen zurück, statt neue Lösungen zu entwickeln. Und genau das passiert auch auf organisationsdynamischer Ebene: Gestresste Organisationen wiederholen Muster, sie transformieren nicht.
Wie schaffen Unternehmen stattdessen die notwendige Fokussierung?
Vera Starker: Indem sie bewusst priorisieren, nicht dringliche Projekte konsequent zurückstellen und – wenn sie sehr schnell und fokussiert transformieren wollen – parallel eine Transformationsdiagnostik durchführen, die sichtbar macht, welche Maßnahmen wirken und welche nicht. Bei dieser Diagnostik werden quantitative und qualitative Daten aus der Organisation, wie zum Beispiel einzelne Transformationsprojekte, mit Kundendaten, wie Kundenbindung oder Zufriedenheit, statistisch korreliert. Nur so zeigt sich, ob das erfolgreich umgesetzte Projekt die gewünschte Wirkung erzeugt hat. So entsteht ein klares Bild der Wirkzusammenhänge, mithilfe dessen Führungskräfte fokussiert steuern können.
Zur Person

© Vera Starker / Rainer Störmann
Vera Starker ist Autorin, Wirtschaftspsychologin, MBA in systemischer Organisationsberatung, Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht und Co-Founderin des Berliner Think Tanks Next Work Innovation Garage, der zu Transformationen im digitalen Zeitalter forscht und berät.
Welche Rolle spielt Geschwindigkeit? Müssen Organisationen heute schneller transformieren?
Vera Starker: Schnelligkeit ist wichtig – aber nur, wenn sie mit Fokus einhergeht. Organisationen transformieren nachhaltig, wenn sie es schaffen, schnell neue Routinen zu entwickeln. Das gelingt nur, wenn sie nicht im Multitasking-Modus feststecken.
Wir vom Think Tank Next Work Innovation Garage empfehlen zudem zusätzlich täglich konzentrierte Arbeitsslots, die Organisationen spürbar entlasten und die Produktivität erhöhen. Wir konnten in unserer aktuellen Studie „Konzentriertes Arbeiten als Aufgabe der Organisation“ aufzeigen, dass die systemische Einführung von Fokus nicht nur Produktivitätsvorteile bringt, sondern auch die Resilienz der Teams wie auch der Führungskräfte messbar steigert.
Viele Unternehmen glauben, sie müssten „möglichst viel auf einmal“ verändern. Was entgegnen Sie ihnen?
Vera Starker: Das Gegenteil ist richtig. Mehr Initiativen führen zu weniger Wirkung. Das haben wir in diversen Transformationsdiagnostiken nahezu durchgängig aufzeigen können.
Wichtige Vorhaben müssen systemisch aufeinander abgestimmt werden und brauchen eine fokussierte Führung, die die Organisation nicht überlastet, sondern strategisch steuert. Nur so gelingt echte Transformation bei gleichzeitig hoher Produktivität.
Lektüre-Tipp:

© Vera Starker
Titel: "Stop Bullshit Work"
Verlag: Rossberg Verlag
ISBN: 978-3-948612-23-8
Seitenzahl: 192
Wie Unternehmen den Overflow stoppen und Transformation wirkungsvoll gestalten können, lesen Sie im aktuellen Buch der Spiegelbestsellerautorin Vera Starker.

