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28.01.26
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Europas Halbleiterpläne: Milliarden für Chips – aber wer baut sie?

Frau mit Brille lötet auf einem Tisch an einer Platine
© enigma images / GettyImages

Europa investiert Milliarden in neue Chipfabriken – doch die größte Herausforderung liegt nicht im Kapital, sondern im Personal. Der Fachkräftemangel entwickelt sich zur strategischen Achillesferse der Halbleiterindustrie und gefährdet den Ausbau von Produktionskapazitäten ebenso wie die technologische Souveränität.

Sie liefert den Grundstein für alle elektronischen Produkte: die Halbleiterindustrie, deren Chips unverzichtbarer Bestandteil von Schlüsseltechnologien im Automotive-, Energie-, Verteidigungs-, KI- und Kommunikationsbereich sind. Kein Wunder also, dass die Branche ein zentrales Element der kritischen Infrastruktur Europas bildet. Schließlich entscheidet sie über industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz von Lieferketten und geopolitische Handlungsfähigkeit.

Entsprechend ambitioniert sind die politischen Ziele: Mit dem 2023 in Kraft getretenen EU Chips Act soll der europäische Weltmarktanteil bis 2030 auf rund 20 % steigen bzw. verdoppelt werden – um Lieferketten zu sichern, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren, Innovationen und Investitionen zu fördern, vor allem aber, um Europas technologische Souveränität zu stärken.

Deutschland spielt in Europa dabei eine Schlüsselrolle. Nicht nur durch das Silicon Saxony rund um Dresden, das sich zum größten Produktionsstandort für Halbleiter in Europa entwickelt hat, sondern auch durch die zahlreichen gut aufgestellten kleinen und mittelständischen Unternehmen im Zuliefersegment.

Vor allem in den Bereichen Spezialchips, Anlagenbau und industrielle Anwendungen hat sich die Branche hierzulande positionieren können und weist starke Akteure in den Segmenten Halbleiterkomponenten, Halbleiter-Equipment sowie Chemie und Automatisierung auf.
 

Europas Halbleiterambitionen: die unterschätzte Hürde

Ob Infineon, Bosch Semiconductors oder GlobalFoundries in Dresden, Black Semiconductors neue FabONE in Aachen oder das geplante ESMC (European Semiconductors Manufacturing Company) -Projekt, ein taiwanisch-europäisches Joint Venture zum Bau einer hochmodernen Chipfabrik in Dresden – Europas Halbleiterlandschaft wächst, doch langsamer als anderswo. So sollen bis Mitte der 2030er-Jahre in den USA 16, in Asien 82, in Europa jedoch nur neun neue Fabriken entstehen – drei davon in Dresden. Darüber hinaus treibt KI die Nachfrage nach Hochleistungschips wie GPU, doch auch in diesem Bereich wächst die Branche tendenziell eher außerhalb Europas. Dort aber, wo die Mehrheit der Kapazitäten entsteht, bündeln sich auch:

  • Talente
  • Prozesswissen
  • Lernkurveneffekte
  • Innovationsgeschwindigkeit

Deutschland und Europa drohen, trotz hoher Einzelinvestitionen, strukturell ins Hintertreffen zu geraten. Und das hat einen Grund.
 

Infografik - Verlagerung der globalen Chip-ProduktionVerlagerung der globalen Chip-Produktion © Hays
 

Der wahre Engpass: Menschen statt Maschinen

Laut eines IW-Kurzberichts zu Berufen in der Chipindustrie ist die Fachkräftelücke im Jahresdurchschnitt von 2021/22 auf 2022/23 um 30 Prozent von 62.000 auf 82.000 angewachsen. Tendenz steigend. Denn rund 23 % der Beschäftigten in halbleiternahen Berufen sind 55 Jahre oder älter.

In den kommenden Jahren geht also eine ganze Generation an Erfahrungswissen verloren – schneller, als Nachwuchs nachrückt, zumal sich nur ein Bruchteil der MINT-Absolventinnen und -Absolventen für eine Position in der chipnahen Industrie entscheidet. Schließlich werben auch andere Branchen wie Automotive, Maschinenbau, IT oder Energie um diesen Talentpool und locken dabei nicht selten mit klareren Narrativen, niedrigeren Einstiegshürden und einer größeren öffentlichen Sichtbarkeit. Eine Entwicklung, die den Aufbau neuer und den Ausbau bestehender Standorte der Halbleiterindustrie massiv gefährden kann.

Der Fachkräftemangel betrifft dabei nicht nur die viel zitierten Chipdesigner oder KI-Spezialistinnen und -spezialisten, sondern Rollen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Gesucht werden unter anderem:

  • Operatoren und Schichtpersonal für 24/7-Fab-Betrieb
  • Prozessingenieure und Fertigungstechnologen sowie Materialwissenschaftler
  • Lithographie-, Ätz- und Dünnschicht-Experten
  • Yield-, Reliability- und Equipment-Ingenieure
  • Automatisierungs- und Softwareingenieure mit Prozessverständnis

Diese Profile sind hoch spezialisiert, nur schwer kurzfristig ersetzbar – und global extrem begehrt.
 

Mann arbeitet mit zwei Kolleginnen an einem Werktisch und lötet an PlatinenIn den kommenden Jahren geht in der deutschen Halbleiterbranche eine ganze Generation an Erfahrungswissen verloren. © FatCamera / GettyImages
 

Wenn die Produktion zur Wachstumsbremse wird

Die jüngsten Halbleiterengpässe, wie im Fall von Nexperia, die erhebliche Auswirkungen auf die Automobilproduktion hatten, zeigen, dass Lieferkettenstörungen systemisch sind und durch strukturelle Defizite wie den weitreichenden Fachkräftemangel in Design, Herstellung und Logistik der Chipindustrie noch verstärkt werden. Denn fehlende Fachkräfte bedeuten eine verzögerte Ausweitung der Produktionsleistung, eine geringere Auslastung der Anlagen, höhere Kosten sowie eine größere Abhängigkeit von Drittstaaten – und das nicht nur in der Automobilindustrie, sondern in allen Branchen, in denen Halbleiter eingesetzt werden.
 

Der blinde Fleck Europas: KI, Chips und Talentströme

Während Europa bei Leistungshalbleitern, Sensorik und Optik punktet, entsteht das KI-getriebene Halbleiter-Ökosystem fast ausschließlich außerhalb Europas. Dieses Ökosystem ist geprägt durch spezialisierte Hochleistungsprozessoren, modernste Fertigungsprozesse sowie eine enge Verzahnung von Chipdesign, Software-Stacks und Rechenzentrumsinfrastruktur und verteilt sich derzeit überwiegend auf Standorte in den USA und Asien. Seine Wettbewerbsfähigkeit ergibt sich aus der Fähigkeit, diese Komponenten effizient zu integrieren, rasch zu skalieren und in marktreife Anwendungen zu überführen.

KI ist jedoch nicht nur ein Markt – sie ist auch ein Talentmagnet.
Wo KI skaliert, skalieren auch:

  • Chipdesign
  • Advanced Packaging
  • Prozessingenieurwesen und dazugehörige Produktionsoptimierungen

Deutschland und Europa riskieren damit, den nächsten Technologiesprung erneut zu importieren – inklusive der Abhängigkeiten.
 

Was jetzt nötig ist

Wenn Deutschland und Europa ihre Halbleiterambitionen ernst meinen, braucht es daher mehr als Förderbescheide:
 

  • Bildung neu denken
    Frühere Spezialisierung, zum Beispiel in Studiengängen; stärkere Praxisintegration; industrielle Lehrstühle, die die Branche promoten und somit dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
     
  • Fachkräfteeinwanderung fördern / beschleunigen
    Die USA, Taiwan und Südkorea machen es vor. Sie locken ausländische Fachkräfte mit schnellen VISA-Prozessen, attraktiven Gesamtpaketen und klaren technologischen Perspektiven.
     
  • Industriepolitik skalieren
    Eine skalierte Industriepolitik wirkt nur dann nachhaltig, wenn technologische Prioritäten konsequent mit einer vorausschauenden Fachkräfte- und Bildungspolitik verzahnt werden. Andernfalls wird der Fachkräftemangel in der deutschen Halbleiterindustrie der entscheidende Engpass bleiben, der Investitionen bremst und strategische Ziele trotz milliardenschwerer Förderprogramme unterläuft.
     
  • Attraktivität erhöhen
    Die Halbleiterindustrie muss konsequent als Zukunftsbranche mit vielfältigen, hoch qualifizierten Karrierewegen positioniert werden – nicht als technologische Nische. Personaldienstleistungsunternehmen übernehmen dabei eine Schlüsselrolle: Sie verschaffen Betrieben schnellen Zugang zu spezialisierten und internationalen Fachkräften. Gleichzeitig eröffnen sie Talenten attraktive und transparente Einstiegsmöglichkeiten in die Branche.
     
  • Ökosysteme bauen
    Entscheidend ist nicht nur Technologie, sondern das Zusammenspiel von Talenten, Kapital und Anwendungen – ohne qualifizierte Fachkräfte droht das gesamte Ökosystem ins Stocken zu geraten.


 

Fazit: Die entscheidende Ressource heißt Mensch

Europa kann Fabriken bauen. Europa kann Milliarden mobilisieren. Aber ohne die passenden Fachkräfte bleiben Fabriken leer und Strategien Theorie.

Deutschland und Europa investieren Milliarden in neue Halbleiterkapazitäten, doch die zentrale Ressource wird systematisch unterschätzt: qualifizierte Fachkräfte. Der Fachkräftemangel ist kein Randproblem der Personal- und Fachabteilungen, sondern die entscheidende Wachstumsbremse für Produktion, Entwicklung und technologische Souveränität.

Ohne eine radikal neu gedachte Talent-, Bildungs- und Einwanderungsstrategie droht Europa trotz Chips Act, Chips Act 2.0 und Industriepolitik dauerhaft und weiter hinter die USA und Asien zurückzufallen. Der Fachkräftemangel ist die größte strategische Hypothek der europäischen Halbleiterindustrie – und gleichzeitig der Hebel mit der größten Wirkung, wenn er konsequent adressiert wird.


 

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Sinan Baslioglu
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