Wissensarbeit
im digitalen Wandel

ZWISCHEN SELBSTVERWIRKLICHUNG
UND SELBSTAUSBEUTUNG

Interview mit Frank Eilers
Speaker und Podcaster „Arbeitsphilosophen – Die Zukunft der Arbeit“

Wissensarbeit in der VUCA-Welt: Wie verändert sich die Wissensarbeit und deren Bedeutung im Zuge der Digitalisierung?

Die VUCA-Welt im Sinne einer rasanten Veränderungsgeschwindigkeit, gepaart mit zunehmender Volatilität, ist für die meisten Wissensarbeiter heute bereits deutlich spürbar. Einerseits fühlen sich viele Spezialisten – ganz gleich, ob festangestellt oder freiberuflich tätig – für den Moment sehr gut ausgelastet und gefragt. Andererseits fragen sie sich, ob dies in drei Monaten oder drei Jahren noch der Fall sein wird, wenn in Hochgeschwindigkeit wieder neue Entwicklungen auf uns zurollen.

Die Wissensarbeit ist m.E. der Prototyp für die Übertragung des darwinistischen Prinzips „the most adoptable to change“ auf die Wirtschaft. Im Zentrum steht immer mehr die Frage: Kann ich mich anpassen – und wie? Um in der VUCA-Welt zu bestehen, gilt es, sowohl das hohe aktuelle Aufgabenpensum zu bewältigen als auch in der gleichen Zeit zu lernen, sich weiterzuentwickeln und neue Felder und Netzwerke zu erschließen. Diesen Spagat hinzubekommen, ist unglaublich anstrengend.

Die Gefahr ist sehr groß, dass man als Wissensarbeiter heute nur auf ein Pferd setzt, weil das gerade gut läuft. So erfahren viele Wissensarbeiter in den Unternehmen heute tatsächlich eine hohe Wertschätzung. Die zugeschriebene Bedeutung und die damit verbundenen Privilegien verschwinden aber in Windeseile, sobald eine Technologie, Methode oder ein Thema reift – und in der Folge der Wettbewerb zwischen den Wissensarbeitern forciert wird und die Preise fallen. Die Organisationen verlegen sich dann auch wieder darauf, in herkömmlicher Form zu kontrollieren und zu optimieren.

Sprich: Die Unsicherheit ist immens. Die skizzierten Zyklen zwischen Bedeutungszuwachs und -verlust gab es schon immer, aber die Geschwindigkeit hat infolge der Digitalisierung enorm zugenommen.

Ermächtigung der Mitarbeiter oder Digitaler Taylorismus*: Wohin tendieren die Unternehmen bei der Ausrichtung von Kultur, Führung und Organisation sowie beim Technologieeinsatz im Zuge des digitalen Wandels?

Der Kontrollzwang, der in vielen Unternehmen noch vorherrscht, ist absurd: Wir möchten, dass die Menschen kreativ sind und eigenverantwortlich handeln, gleichzeitig überladen wir die gleichen Menschen mit Regeln und Vorgaben. Die daraus resultierende Lähmung ist enorm – und trotz der vielen neuen Buzzwords hat sich in diesem Bereich während der letzten Jahre auch kaum etwas verändert.

Vor diesem Hintergrund sehe ich die aktuelle Corona-Krise auch als Chance – als riesiges Experiment, bei dem das herkömmliche Rollenspiel auf den Prüfstand rückt und Raum für das Etablieren einer Vertrauenskultur entsteht. Wenn die Mitarbeiter trotz ungünstiger Umstände aus dem Homeoffice heraus weiter Leistung bringen sollen, dann sollte man ihnen tunlichst nicht mit Misstrauen begegnen und zur Kontrolle eine minutengenaue Zeitabrechnung verlangen. Denn irgendwann rebellieren dann die Mitarbeiter. Ich denke, die Corona-Krise hilft dabei, Effektivität statt Effizienz in den Fokus zu rücken.

Ihre Tipps für Wissensarbeiter und Führungskräfte?

Ganz wichtig: Wissensarbeiter brauchen Rückzugsräume – sowohl um den Kopf einmal abzustellen, Ausgleich zu schaffen und zu regenerieren als auch um auf neue Gedanken zu kommen und zu reflektieren! Reflexion ist der Schlüssel, um als Wissensarbeiter den Spagat – aktuelles Aufgabenpensum bewältigen, neue Themen erschließen – hinzubekommen: Was habe ich erreicht, was tue ich als Nächstes, was ist wichtig? Ich glaube, wir reflektieren noch viel zu wenig. Speziell die Wissensarbeiter haben hier Nachholbedarf. Denn der Kopf ist ihr Kapital und Reflexion das Mittel, dieses effektiv zu erschließen und zu erweitern.

Darüber hinaus sollten sich die Wissensarbeiter öffnen und Netzwerke mit themen- und branchenfremden Menschen bauen, um mental frisch zu bleiben, andere Perspektiven kennenzulernen und auf Entwicklungen, die jenseits des eigenen Horizonts stattfinden, aufmerksam zu werden. Wir müssen aus unserer Blase raus und dabei auch mal den Zufall walten lassen, um auf neue Ideen zu kommen und Chancen zu erkennen! Und klar: Auch körperliche Fitness und gesunde Ernährung helfen dabei, unsere Schaffenskraft und Kreativität zu erhalten.

Schließlich dürfen und sollten Menschen, die mentale Problem haben, auch professionelle Hilfe suchen. Dies wird meines Erachtens wegen des vermeintlich anhaftenden gesellschaftlichen Stigmas immer noch viel zu wenig gemacht. Man kann es jedoch nicht genug betonen: Der Kopf ist Kapital der Wissensarbeiter und verdient entsprechende Beachtung. Wir sollten deshalb tunlichst immer wieder in uns hineinspüren und achtsam mit unserer mentalen Verfassung umgehen.

An die Führungskräfte gerichtet möchte ich noch hinzufügen: Wissensarbeit braucht Pausen! Wissen und Kreativität bedürfen einer Regeneration. Wer diese Ressource bei den Mitarbeitern allzu stark anzapft oder gar auspresst wie eine Zitrone, zahlt dauerhaft drauf. Geistige Frische ist ein Produktivitätsfaktor, der sich nicht auf die herkömmliche Art maximieren lässt. Vielmehr sollten die Unternehmen hier tendenziell Tempo und Druck rausnehmen. Dabei wäre schon sehr viel gewonnen, wenn die Unternehmen verstehen, dass Lernen ein Teil von Wissensarbeit ist – und ihre Arbeitsorganisation entsprechend ausrichten.

Das Interview führte Dr. Andreas Stiehler.

 

 

*Das von dem Ingenieur Frederick Winslow Taylor Anfang des 20. Jh. entwickelte Prinzip der wissenschaftlichen Betriebsführung beinhaltet u.a. die Trennung von ausführender und planerischer Tätigkeit sowie die Optimierung der Prozesssteuerung durch standardisierte Arbeitsabläufe. Kritik erfuhr dieses System vor allem durch die Aufteilung der Arbeit in immer kleinere Aufgaben, die zu Monotonie und Entfremdung vom eigentlichen Produkt führten.

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