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15.06.23
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Arbeitswelt & Karriere

Mein größtes Ziel: Frei von Ausgrenzung und Hass zu sein

Kollegen Sprechen über Diskriminierung
Getty Images (10'000 Hours)

Diskriminierung, häufig auch unbeabsichtigt, ist in der Arbeitswelt nach wie vor präsent. Umso wichtiger ist es für Unternehmen, eine positive Kultur zu schaffen, in der Vorurteile abgebaut werden und sich alle Beschäftigten wiederfinden und wohlfühlen, sagt Emre Çelik. Im Rahmen des Pride Months hat die Think Ahead mit dem Antidiskriminierungsexperten und EMEA Employee Relations & Investigations Partner bei Google über seine tägliche Arbeit und Herausforderungen gesprochen, sowie was Unternehmen tun sollten, um Vielfalt zu fördern und Haltung zu zeigen.

Wie beschreibst du deinen Weg zum Antidiskriminierungsexperten?

Meine eigenen leidvollen Erfahrungen haben mich zu einem gefragten Antidiskriminierungsexperten gemacht. In meiner Kindheit und Jugend hatte meine Familie nichts, weder Geld noch Spielsachen. Meine Mutter arbeitete als Alleinerziehende mit zwei Kindern bis zu ihrem Arbeitsunfall unter unwürdigen Bedingungen in einer deutschen Fabrik. Meine Geschichte ist Teil des sogenannten „Gastarbeiterstroms“. Die Türkei brauchte Devisen und Deutschland billige Arbeitskräfte. Ökonomischer Druck und die rassistischen Erfahrungen führten zur Trennung meiner Eltern. Kurz darauf starb mein Vater. Egal, wo ich hinkam, nannten mich die Leute „Hauptschüler“, „Türke“, „Ausländer“, „Homo“, oder „Penner“. Bis zu meinen ersten ökonomischen Erfolgen wurde ich ignoriert und ausgegrenzt, was mir zeigt, dass in unserer Gesellschaft der menschliche Wert vom ökonomischen Erfolg abhängt. Ich habe mich von der Hauptschule bis zum Master of Science hochgearbeitet. Neue Kreise eröffneten mir neue Möglichkeiten und neues Wissen. Ich habe erkannt, wie Ausgrenzung und Marginalisierung unsere Gesellschaft spalten. Daher habe ich mich in meiner HR-Karriere immer auf Beschwerdefälle wie zum Beispiel Diskriminierung oder Belästigung am Arbeitsplatz konzentriert und wurde durch verschiedene Untersuchungen und meine persönlichen Erfahrungen zu einem der gefragtesten Antidiskriminierungsexperten in Deutschland. Heute arbeite ich bei Google.

Wie sieht der Berufsalltag eines Antidiskriminierungsexperten bei Google aus?

Es gibt für mich keinen „normalen“ Tag. Man kann nicht timen, wann eine Beschwerde auftaucht oder gemeldet wird. Ich versuche deshalb, meine Tage möglichst flexibel zu gestalten. In meinem Job beurteile ich die Fairness am Arbeitsplatz, im Performance Management und bei Umstrukturierungen und versuche, bei Beschwerdefällen herauszufinden, was genau passiert ist. Außerdem bin ich dafür verantwortlich, potenzielle, arbeitsrechtliche Risiken zu identifizieren. All das basiert auf der Kultur, den Werten und der Integrität von Google.

Welchen Herausforderungen begegnest du dabei?

Bei meiner Arbeit als Antidiskriminierungsexperte begegne ich verschiedenen Herausforderungen. Ein zentrales Thema ist die Auseinandersetzung mit unbeabsichtigter Diskriminierung. Menschen machen Fehler – häufig nicht aus böser Absicht. Dennoch ist es in der Antidiskriminierungsarbeit entscheidend, nicht die Absicht des Täters zu bewerten, sondern die Auswirkungen auf die Betroffenen anzuschauen. Selbst unbeabsichtigte Diskriminierung kann bei betroffenen Menschen Spuren hinterlassen und sich in Form von Traumata manifestieren. Daher ist es wichtig, sorgfältig abzuwägen, wie schwerwiegend die Diskriminierung ist und dabei soziokulturelle Aspekte, Unternehmenswerte, Integritätsprinzipien, Machtdynamiken und die Rolle von Opfer und Täter zu berücksichtigen. Das kann äußerst schwierig sein. Nehmen wir zum Beispiel das Thema "Blackfacing", das heißt, sich das Gesicht zu schwärzen. Im deutschen Rechtssystem gilt „Blackfacing“ möglicherweise nicht als rassistisch, aber aus soziokultureller Sicht wird es als tiefergehender Rassismus wahrgenommen. Diese Dynamiken müssen in der Antidiskriminierungsarbeit sorgfältig bewertet werden, um geeignete Maßnahmen zu empfehlen, damit die Unternehmenskultur fruchtbar bleibt. Denn die Unternehmenskultur benötigt kontinuierliche Pflege und eine teilnehmende Beobachtung. Leider wird diese Art der “Kulturfürsorge” in deutschen Unternehmen oft vernachlässigt.

unterschiedliche junge Menschen sitzen zusammen © iStock Credit: urbazon

Was treibt dich jeden Tag an?

Fairness! Fairness! Fairness! Fairness! Fairness! Fairness!

Was war dein größtes Erfolgserlebnis?

Erfolg ist das Erreichen selbstgesteckter Ziele. Mein größtes Ziel ist es frei zu sein – frei von heteronormativen und patriarchalischen Strukturen, frei von Ausgrenzung, frei von Hass. Um diese Freiheit zu erlangen, habe ich mehrere Initiativen gestartet. Beispielsweise zur Aufklärungsarbeit mit der Polizei, Ministerien oder Fußballclubs. Ich habe den Verein We Speak You Donate gegründet, um Antidiskriminierungsprojekte in Deutschland zu finanzieren. Zudem habe ich ein Ökosystem geschaffen, zu dem unter anderem, das von mir initiierte Startup Occtopus.de gehört. Mit Occtopus haben wir einen spielerischen Ansatz entwickelt, um unbewusste Vorurteile und Stereotype bei Kindern zu entdecken und im nächsten Schritt zu reduzieren. Ich wurde mehrfach für meine Arbeit ausgezeichnet. Diese Auszeichnungen sind weniger Erfolgserlebnisse, sondern schaffen ein Momentum und mehr Sichtbarkeit im Kampf für die tägliche Freiheit. Darstellung von Diskriminierung von Menschen die anders sind.

Einer der Schwerpunkte deiner Arbeit liegt auf dem Thema LGBTQIA+. Was sind die häufigsten Diskriminierungsformen am Arbeitsplatz?

Diskriminierung am Arbeitsplatz gegenüber LGBTQIA+ Personen kann in vielfältiger Form auftreten. Eine der häufigsten Diskriminierungsformen besteht darin, dass LGBTQIA+ Personen nicht als vollwertige Menschen anerkannt werden, obwohl sie vom Grundgesetz und den Menschenrechten geschützt sind. Diskriminierung äußert sich zum Beispiel durch

  • offene oder versteckte Homophobie, Transphobie oder Biphobie seitens Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzten,
  • Belästigung oder Mobbing aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität,
  • ungerechte Behandlung bei Einstellungen, Beförderungen oder Gehaltserhöhungen aufgrund von Vorurteilen und Vorbehalten,
  • das Gefühl, sich nicht am Arbeitsplatz outen oder authentisch sein zu können, was zu Stress, Angst und einem Mangel an Arbeitszufriedenheit führen kann.

Leider nehmen diese Diskriminierungsformen derzeit eher zu als ab.

Spielfiguren zur darstellung von diskriminierung © iStock Credit: designer491

Was können Unternehmen tun, um Haltung in Diskriminierungsfällen zu zeigen?

Eine positive Unternehmenskultur schaffen und pflegen! Und das heißt für mich: Eine Kultur zu entwickeln, in der sich die ganze Vielfalt der Gesellschaft wiederfindet und wohlfühlt – marginalisierte Menschen ebenso wie Menschen, die einer gefühlten Mehrheit angehören. Vergleichbar mit einem Ökosystem, das auch erst durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Lebewesen und Pflanzen richtig funktioniert. Eine solche Unternehmenskultur bietet Schutz vor Marginalisierung, sichere Räume für alle Beschäftigten und spiegelt die Vielfalt der Gesellschaft in ihrer eigenen Zusammensetzung wider – und wirkt so Machtmissbrauch, psychischer Unterdrückung, Ausgrenzung und Leid innerhalb des Unternehmens entgegen. Was es dafür braucht? Zum Beispiel eine Sensibilisierung für Vielfalt und Gleichstellung, die Implementierung von Antidiskriminierungsrichtlinien und -verfahren, die Förderung von Diversität in der Belegschaft und die Schaffung eines sicheren Umfelds, in dem alle Mitarbeitenden respektiert und wertgeschätzt werden. Durch diese Maßnahmen kann eine positive Unternehmenskultur geschaffen werden, die zu einem besseren Arbeitsumfeld und langfristigem Erfolg für das Unternehmen führt.

Was können Betroffene tun?

Es ist wichtig zu verstehen, dass es keine einfachen und vor allen Dingen keine vorgefertigten Lösungen gibt, wenn man mit Diskriminierung, sexuellen Übergriffen oder Vergeltung konfrontiert wird. Diese Erfahrungen können höchst traumatisierend sein. Mein erster Tipp ist daher den Gefühlen Raum zu lassen und sich selbst Zeit zum Nachdenken und zur Erholung zu nehmen. Außerdem empfehle ich, sich zu informieren. Eine einfache Google-Suche kann helfen, die Dynamiken der Diskriminierung besser zu verstehen und mögliche Handlungsschritte aufzuzeigen. Darüber hinaus, kann es hilfreich sein, mit engen Vertrauenspersonen und Freunden darüber zu sprechen, wenn man sich dazu bereit fühlt. Weiterhin kann man sich an entsprechende Stellen im Unternehmen wenden, die für Beschwerden oder Diskriminierungsfälle zuständig sind, um auf die Situation aufmerksam zu machen und Unterstützung zu erhalten.

Wie Hays sich für Equity, Diversity und Inclusion einsetzt:

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